Es gefällt mir selten, wenn ein Artikel die Runde macht, der sich über den Verfall der Kultur beklagt. Denn meistens sind es furchtbar uninformierte, auf bloße Provokation abzielende Schreibstücke, die die Beachtung, die sie trotzdem bekommen, oftmals nicht verdienen. Neal Gabler hat für die New York Times einen Artikel geschrieben, der auf den ersten Blick so aussehen könnte, als würde er ebenfalls in die Kategorie fallen. Zum Glück kommt es manchmal anders als man denkt.
Neal Gabler beschreibt in dem Artikel wie er das Informationszeitalter sieht, in dem wir leben und das er aufgrund seiner Beobachtungen »Post-Ideen-Zeitalter« nennt. Es gäbe so viele Informationen in so kleinen Häppchen in so kurzen Abständen, dass die profanen, schnell konsumierbaren Informationen das verdrängen, was tiefgründiger wäre. Das hat zur Folge, dass auch das Denken in den Hintergrund gerückt wird. Und zwar das Denken, das große Ideen hervorbringt, solche Ideen, die die Welt verändern, den derzeitigen Zustand in Frage stellen und Debatten auslösen. Ideen von Menschen wie Einstein, Freud oder Keynes, die abends in Talkshows ihre Ideen erklären. Solche Menschen gibt es nicht mehr oder sie finden, wenn es sie nicht mehr gibt, keinen Eingang mehr in unsere Kultur.
Diesen Beobachtungen werden die meisten zustimmen können. Es gibt aber einen weiteren Auslöser dafür, warum Ideen keinen Eingang mehr in unsere Kultur finden, den Gabler übersieht.
Ideen zu Zeiten des Humanismus, ja selbst die Ideen im letzten Jahrtausend, waren relativ einfach zu begreifen. Wenn der Staat mehr Geld ausgibt, nimmt die Wirtschaft mehr Geld ein. Danke Keynes. Die menschlich Psychologie besteht aus mehr als dem reinen Bewusstsein. Danke Freud. Natürlich sind diese Verkürzungen nicht ganz korrekt, aber sie umreißen das große Ganze, sie machen es den meisten Menschen verständlich, sodass sie in der Lage sind darüber zu debatieren. Ideen heute sind deutlich komplexer. Oder wie erklärt man in wenigen Worten was das Higgs-Boson ist und warum es eine so große Bedeutung für die Physik hat? Die Idee ist zu komplex, um sie der Masse schnell begreifbar zu machen.
Ideen können erst dann in die Kultur eingehen, wenn sie zu einfachen Bröckchen vereinfacht wurden. Das geht bei den komplexen Theorien und Ideen, an denen heute gearbeitet wird, nicht ohne Weiteres. Denn Wissen verdrängt nicht nur die Debatte über die Idee. Wissen, ganz in der Tradition Socrates’ »ich weiß, dass ich nichts weiß«, macht die Welt nur noch komplexer.